Stamm suhlte sich im Schlamm

6. Februar 2008 | Von | Kategorie: Nachrichten

«Aifach saumässig guet»: Willi Borner, Obmaa der jubilierenden Seibi-Clique und Tambour seit dem 10. Altersjahr, bringt die Stimmung unter «seinen» rund 200 aktiven Fasnächtlern auf den Punkt. Denn: Einst wurden auf dem Barfüsserplatz zwar keine Perlen vor die Säue geworfen, aber das Borstenvieh zum Verkauf angeboten. Und typisch Baslerisch mutierte der Barfi zum Seibi, was die Gründerväter für die Namensgebung nutzten.

Die konstituierende Sitzung im Restaurant «Baselbieter» (der heutigen Bar «Des Arts»), das wie viele andere gemütliche Beizen längst zu einer Bar oder platt gemacht worden ist, hatte insofern Brisanz, als 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden ist und die Welt den Fokus auf Deutschland gerichtet hatte. Die Vorbereitungen der Basler Seibianer für die erste Fasnacht dauerte ein Jahr. 1934 bereicherte eine kleine Gruppe des Seibi-Stamms wie auch der Jungen Garde den Cortège. In Originalprotokollen ist nachzulesen, dass der Nachwuchs dem Stamm musikalisch «den Marsch geblasen» habe. Das focht die älteren Pfyffer und Ruesser jedoch nicht an. Sie harmonieren – bis auf einen Zwischenfall – nach wie vor.

Dem Südfrüchtehändler Ernst Dreyfus und ersten Presi der Seibi war es leider nicht vergönnt, die Erfolge seiner Clique zu geniessen. Ein handfester Krach bewog den Vorstand, ihn im März 1935 aus der Seibi hinauszukomplimentieren. Einige Jahre später versuchten zwei Gauner Ernst Dreyfus am Nadelberg «auszunehmen». Er wehrte sich vergeblich und wurde vom Duo niedergestochen – ein weiterer Totentanz in der Geschichte von Basel.

1998 wurde eine geschlechtsneutrale Fassung der Statuten herausgegeben

Der Seibi-Vorstand hielt in den ersten Statuten fest, dass nur männliche Personen aufgenommen würden. 1998 wurde eine geschlechtsneutrale Fassung der Statuten herausgegeben. In den Jahren darauf erfolgte nicht zum ersten Mal die heftige Diskussion über die Aufnahme von Fasnächtlerinnen. Seit der Generalversammlung 2002 ist die Seibi eine «gemischte Clique». Doch nicht die Frauenfrage führte zur grössten Krise in der Cliquengeschichte, vielmehr war es das falsche Bandelier eines Tambours anlässlich eines Ständelis Anfang der 50er-Jahre. Kurioserweise hielten die Pfeifer dem jungen Trommler die Stange, aber der Zwist zwischen den beiden Gruppierungen führte beinahe zu einer Cliquenspaltung. Der weise Obmann Max Bombis, «Mr. Seibi» von 1939 bis 1959, schlichtete auf seine Weise und brachte die Streithähne zur Vernunft.

Sie laufen und spielen an der Fasnacht autonom, gehören aber immer noch der Seibi-Familie an

1971 gründeten die ehemaligen Pfeiferinnen der Seibi Junge Garde mangels «Aufstiegschancen» in den Stammverein die Seibi-Mysli. Sie laufen und spielen an der Fasnacht autonom, gehören aber immer noch der Seibi-Familie an. Apropos Nachwuchs: Langsam, aber sicher müsse man sich etwas einfallen lassen, betonen die Seibi-Piccolo- und Trommel-Instruktorinnen und -Instruktoren, denn von einst
120 aagfrässene Gnepf und Junggardisten ist deren Zahl sukzessive auf etwa die Hälfte geschrumpft. Mit Flyern und anderen lustigen Werbebotschaften gelingt es dem Vorstand jedoch, regelmässig einige Knaben und Mädchen für die Seibi zu begeistern.

Dank einer ausgewogen zusammengesetzten Sujetkommission kommt die Seibi-Clique nie in Verlegenheit, versetzt hingegen das Comité, die Berufsfasnächtler und die Zuschauer am Strassenrand jeweils ins Staunen. 1986 erschütterte ein Spionagefall die Rheinstadt. Die Seibiverblüffte mit einem identischen Vortrab der Stainlemer, die Pfeifer glichen bis zur Larve den Olympern, und die Tambouren sahen den VKBlern zum Verwechseln ähnlich. Zu einer Gerichtsverhandlung kam es, nebenbei bemerkt, nie.

2001 nahm der Stamm seinen Namen tierisch ernst. Und so begab sich die fröhliche Schar ins nördliche Nachbarland, suhlte sich in einem Schlammbad; Zwecks dieser «action» (neudeutsch: Überraschungscoup) liess sich ein Cliquenmitglied sogar aus New York einfliegen. Und nochmals typisch Seibi: Die Zeitung «s Ohremyggeli» (Achtung: kein Recyclingprodukt, das täglich wie die fünf Gratispostillen weggeschmissen wird) erheitert und orientiert seit 23 Jahren die Cliquenmitglieder sowie anverwandte Leute.

Die Jubiläums-Aktivitäten

Letzten Freitag erhielt die Seibi am Drummeli, der Mutter aller Vorfasnachtsveranstaltungen, zum 75. Wiegenfest eine Hommage. Über 100 Seibianer werden sich in einem Einheitskostüm auf der Bühne feiern lassen.

Die Jubelaktivitäten nahmen am 5. Januar mit einem Gala-Abend im Gundeli-Casino, im Beisein des Jazzers und Komponisten George Gruntz, ihren Anfang. Ein weiteres Jubel-Highlight war die Teilnahme aller 30 Stamm-Tambouren an der Gruppenkonkurrenz des «Offizielle». Die GV vom 5. Juni hält (top secret) ein spezielles Seibi-Bonbon bereit. Im August unternimmt der Stamm eine Reise ins Appenzellische und wird dabei eine Brauchtumsmesse musikalisch bereichern. Am 1. November schliesslich begibt sich die 75 Jahre lang jung gebliebene Clique nicht aufs Glatteis, aber in die Limmatstadt und wird mit den Basler Zepf Ziri die bestehendenFreundschaftsbande vertiefen.