Die britische Südküsten-Stadt Bournemouth hat Basel etwas Unglaubliches voraus: Dort wird nicht nur an drei Tagen Fasnacht gefeiert, sondern das ganze Jahr über. Dafür sorgt die «Gugge 2000».
«Das ist meine Enkelin, sie ist fünf Tage alt. Wir haben sie genau angesehen und ihr Mund ist perfekt für die Posaune.» Alles lacht, und Tambourmajor Glenn Mason steckt das Foto weg. Seine Posaune liegt auf dem Tresen, neben Trompeten, Tamburins und einigen Stangen Bier. Mit einem Abba-Medley hat die Gugge 2000 die Pub-Gäste und den Wirt, der sein Einjähriges feiert, kurz zuvor nach draussen gelockt. Auch Fenster und Türen in der Nachbarschaft öffneten sich. Das Platzkonzert wurde mit tosendem Applaus bedacht.
Wo immer die Gugge 2000 aufspielt, spielt sich das gleiche Prozedere ab: Die Menschen bleiben stehen, runzeln die Stirn. Beim zweiten Lied beginnen sie im Takt zu wippen, bei Nummer Drei stiehlt sich ein Lächeln in ihr Gesicht, und ab Lied Vier wird mitgeklatscht und -gesummt. «Die Briten haben zwar eine lange Brassband-Tradition, aber da ist alles todernst. Unsere Band hingegen lacht und scherzt, das sind die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht gewohnt», erklärt Gründer Dave Brewer. Er muss aber auch aufklären, wie Einwohnerinnen und Einwohner aus Bournemouth, einer Stadt an der Südküste von England, dazu kommen, Guggenmusik zu spielen. Musiker Brewer war Teil einer Delegation, die in den 90er Jahren von Luzern, der Schwesterstadt von Bournemouth, an die Fasnacht eingeladen wurde.
«Ich kam nach Luzern, sah und hörte die Guggen und es war um mich geschehen», blickt Brewer zurück. Seine Begeisterung ging auf seine Musikerkollegen über, und im Sommer 1998 wurde die Gugge 2000 gegründet. Wieso dann Gugge 2000? «Wir waren einzigartig in Grossbritannnien, also beschlossen wir, uns Guggenmusik zu nennen. Doch das verstand hier niemand, so benützten wir die Abkürzung Gugge», berichtet Brewer. (Gugge wird in English gugie ausgesprochen.) «Da 1998 alle Welt im Milleniumfieber war», fährt er fort, «und weil wir etwas Revolutionäres starteten, so quasi ins neue Jahrtausend, beschlossen wir, uns ‹Gugge 2000› zu nennen.»
Fast zehn Jahre später sind die Mitglieder der ersten Stunde, Ben Scott, Paul Elphick, Glenn und Jacqui Mason, nach wie vor mit Leib und Seele dabei. Die Bandfamilie ist laut Jacy Brewer – nach «drei Hochzeiten und einer Beerdigung», wie sie auf den bekannten britischen Film anspielt – auf über 40 Mitglieder angewachsen. An Nachwuchs mangelt es nicht: Die Jüngste ist im Kinderwagen bei den Proben immer dabei und jauchzt artig mit. Die Gugge ist jedoch immer auf der Suche nach Sousaphon-Spielern. «Leider ist das Sousaphon in Grossbritannien ein selten gespieltes Instrument», bedauert Mason. Brewer fügt hinzu, dass es nicht einfach sei, etwa in einer Anzeige zu erklären, was Guggenmusik sei – die meisten in der Band definieren sie als interaktive fröhliche Musik. «Man muss uns sehen, dann wird man vom Guggenfieber ergriffen», sagt Brewer.
So gings dem 13-jährigen Stephen, dem jüngsten Aktiven. Er sah die Gugge und beschloss, «das ist mein Ding». Er sagte dies seiner Mutter – und seit September sind beide in der Band. «Einige meiner Kollegen sagen, sie fänden die Band doof, aber das ist mir egal, ich mag diese lebendige Musik», meint der Sohn. Mutter Carol Ireson findeGuggenmusik mitreissend. Ihre Kollegen witzeln, die Gugge werde oft als «Heilsarmee auf Speed» bezeichnet.
Doch die Gugge 2000 hats drauf: «Mit rund 60 Stücken, von traditionellen Weisen über Musicalhits und Rocksongs bis zu originaler Guggenmusik, haben wir ein grösseres Repertoire als manche Schweizer Gugge», lacht Brewer, der den musikalischen Geschmack durchgibt und alles arrangiert. Mason merkt an, sie seien gut geworden und dürften sich selbst in der Schweiz zeigen.
Geprobt wird jeden Freitag – es sei denn man ist an den «drey scheenschte Dääg». «Wir werden die Basler Fasnacht im Schnee nie vergessen», schmunzelt Mason. Übungslokal ist ein «Verkehrshaus». Die Bierdosen auf den Verkehrsteilern wackeln: Mason meint, es sei Freitagabend, da solle es Spass machen.
Denkwürdig feiern
Die Gugge 2000 verbucht jährlich zig Auftritte. Dabei wird jeweils auf das Publikum eingegangen: Für ältere Leute gibt es ein eher traditionelles Programm, für junge erklingen Robbie Williams und Brian Adams. Die Gugge wird auch zu Konzerten in Spanien, Deutschland und der Schweiz eingeladen. Doch dieses Jahr, für ihr Zehnjähriges, dreht sie den Spiess um. Organisiert wird im Juli ein grosses Festival in der Nähe von Bournemouth. Bereits haben Guggen aus der Schweiz und aus Deutschland ihr Kommen zugesagt. Der musikalische Direktor Dave Brewer freut sich sehr darauf. Höhepunkt dürfte das gemeinsame Konzert aller Teilnehmenden auf Corfe Castle werden, auf einer ehemals trutzigen Burg, einem nationalen Denkmal.



