Die Basler Fasnacht kann nicht abgesagt werden. Sie hilft der Stadt, das Unbegreifliche zu verstehen.
Es war Fasnachtsmittwoch, am frühen Abend. Die Kunde ging durch die Stadt, dass ein Knabe, ein Fasnächtler, Junggardist in einer Clique, unter einen Waggiswagen geraten und verstorben. Mitglieder der Sujet-Kommission und des Vorstandes meiner eigenen Clique berieten, was nun zu tun sei. Man beschloss, an den Jungen, seine Angehörigen und seine Cliquenkollegen zu denken. Stand ein und marschierte weiter. Die letzten Stunden der Fasnacht 2007 erlebten wir noch intensiver – und nachdenklicher – als sonst. Der «Ändstraich», der Moment, an dem die Fasnacht stirbt und sich in sekundenschnelle Ruhe über die Stadt legt, war schwer und bedeutungsvoll. Und trauriger als sonst.
Im Nachgang zu den Ereignissen in Locarno, die zum Abbruch der dortigen Fasnacht führte, stellte sich unweigerlich die Frage: Hätten wir das auch tun sollen? Hätten wir es getan, wäre der Junge bereits am Fasnachtsmontag verunfallt? Ich denke, wir würden es nicht tun. Auch dann nicht, wenn Regierung oder Comité uns dazu aufforderten. Ich denke auch nicht, dass Regierung und Comité solches tun würden. Und die Entscheidung, die Fasnacht weiterzuführen, wäre richtig.
Der Tod gehört in Basel zur Stadt. Und der Tod gehört zur Fasnacht. Er ist ein untrennbarer Bestandteil unserer Tradition. Der Tod tanzt in Basel nicht nur mit dem Kaiser, der Jungfrau und dem Bauern. Er tanzt auch mit dem Narren. Der Basler geht bewusst mit dem Tod um. Er pflegt seine Totenstadt am «Hörnli». Sie ist ihm nicht fremd oder unheimlich. Bereits in jungen Jahren weiss er, dass es sich gehört, liebe Menschen dorthin zu begleiten, wenn es Zeit ist.
Nicht viele Basler wissen auf Anhieb, wo die Predigerkirche steht. Fast jedes Kind aber kennt den Platz davor – gleich oberhalb des Hotels «Les Trois Rois» – den «Totentanz». Es ist der Ort, an den im 15. Jahrhundert das Wandgemälde des Klosters Klingenthal hingebracht wurde. Dieses inspirierte 1530 Hans Holbein den Jüngeren zu seinen weltbekannten Holzschnitten. Von dem Wandgemälde sind seit seiner Zerstörung im 19. Jahrhundert nur noch Fragmente erhalten. Doch der «Tod zu Basel» blieb im kollektiven Geiste Basels erhalten. Er war in jüngster Zeit Teil des Werks von Jean Tinguely – fand aber auch mitten in den Kriegswirren 1943 Eingang in das monumentale Open-Air-Spektakel von Frank Martin, einem Werk für Schauspieler, Tänzer, Knabenchor, Streichorchester, Jazzband – und Basler Trommler. Er ist präsent in zahlreichen «Hyylgschichte» – Geschichten über Armut, Krankheit und Tod – vor und während der «drey scheenschte Dääg».
Die Basler Fasnacht ist ein untrennbarer Teil dieser Symbolik. Über Monate wird in Kellern und Stuben die kreative Explosion vorbereitet. Sie entlädt sich an einem Montagmorgen um genau vier Uhr. 72 Stunden lang steht Frau Fasnacht dann in voller Blüte, bevor sie am Donnerstagmorgen um genau vier Uhr jäh ihr Ende findet. An drei folgenden Sonntagen wird sie am «Bummel» zu Grabe getragen, nur um Wochen später in denselben Kellern und Stuben auf ihre Auferstehung zu warten. Die Fasnacht folgt dem Kreis des Lebens: Entstehung, Geburt, Wachsen und Erleben, Tod und Wiedergeburt.
Die Stadt scheut sich jedoch nicht, diesen Kreislauf in Frage zu stellen. An der Fasnacht setzt sie sich nicht nur kritisch mit der Welt und der «Obrigkeit» auseinander. Sie denkt auch über sich selbst nach. Zuletzt 1991, als eine aus kritischen Geistern zusammengesetzte Gruppierung namens «Kuttlebutzer» zu Beginn des ersten Golfkrieges die Frage aufwarf, ob es der Zustand der Welt überhaupt erlaube, Fasnacht zu feiern.
Die wochenlange engagierte Debatte gipfelte im legendären Auftritt des Hofnarrs am Monstre (Drummeli) im Theater Küchlin. Der Gedanke daran jagt vielen Fasnächtlern noch heute Gänsehaut über den Körper: «Die beschti Waffe gege d Macht, isch wemmen offe driber lacht», schmetterte der Narr die Worte von Friedrich Dürrenmatt in den Saal. bz-Redaktor Pierre A. Minck schrieb damals: «Treffender hätte das Plädoyer für die Narrenfreiheit als ‹Waffe gegen Machthungrige› und damit auch für die Durchführung der Fasnacht nicht ausfallen können.» Und das gilt in Basel für jede Form von (höherer) Macht. Der Fasnächtler hat Respekt vor dem Leben und vor dem Tod – aber er erstarrt nicht in Ehrfurcht vor ihnen. Es ist seine Tradition, sich – mit heiligem Ernst – darüber lustig zu machen.



