Thematisch hat das Pfyfferli 2009 keinen roten Faden. Thematisch ist die prachtvolle Vorfasnachtskiste am Spalenberg nämlich so bunt wie die Blumensträusse, die am Ende des Premierenabends von Fauteuil-Hausherrin Caroline Rasser allen Beteiligten überreicht werden. Musikalisch und textlich subtil, manchmal mystisch dunkel, manchmal komisch schräg – und immer ganz einfach bestens unterhaltend. Ein roter Faden also doch, qualitativer Natur, auf dem während gut zwei Stunden eine (Fasnachts-)Perle nach der anderen aufgereiht wird – eine funkelnder als die andere. Vorfasnacht vom Feinsten. Minutenlanger Applaus des Publikums. Vorhang.
Seit Jahren nutzt das Pfyfferli das Etikett «Bijou», das ihr einst von der Basellandschaftlichen Zeitung (bz) angeheftet wurde, für die Eigenwerbung. Und das zurecht, wie der Jahrgang 2009 beweist. Das Ensemble (Colette Greder, Peter Richner, Dani von Wattenwyl, Tiziana Sarro) hat mit «den Neuen», Buddy Elias und Rosetta Lopardo (die gebürtige Winterthurerin hat unter anderem 2008 bereits beim Charivari Vorfasnachtsluft geschnuppert), zwei weitere Volltreffer gelandet. D Barfiessler (sie wechseln sich bei den ingesamt 60 Vorstellungen mit den Pfyffer, der Bajass-Clique und den JONG’S ab) trillern in den höchsten Tönen und mit unglaublicher Präzision. Die Trommelgruppe PISDIG (in den kommenden Tagen im Wechsel mit den Streifer) «ruesst» dynamisch messerscharf. «Bâsilicum» würzen den Abend mit einem schlegelakrobatischen Leckerbissen. Und die beiden Schnitzelbängg – «die Verschiffte» (oder waren sie es gar nicht – doch davon später mehr…) und «dr Peperoni» (weitere Pfyfferli-Bängg sind bis zur Derniere d Striggede, Doggter FMH und dr Singvogel) – beweisen Frühform: Das sitzt!
Was ist denn Höhepunkt an diesem Pfyfferli? Leichter gefragt als beantwortet. Wo anfangen – wo aufhören? Ist es Buddy Elias, der als traumwandlerischer Visionär (oder Realist?) einen Traum-Morgestraich ohne Blitzlicht, Gejohle und Alkoholleichen, eine Gugge-Reinkarnation und die Versteigerung der beiden letzten männlichen Pfeifer im Jahr 2021 sieht (Auktionator ist kein Geringerer als Papst… äxgysi Comité-Obmann «Felix, der Langjährige»)? Colette Greder – der als Kostümschneiderin im Albtraum eine füdliblutte Männerclique erscheint, «naaie naaie», dem Delirium nahe? Sind es die bitterbösen Texte, die etwa Gigi Oeri einmal mit der Grossmutter von Barack Obama, einmal mit einer Luzerner Fasnachtsfigur («Do rueft me z Basel voller Bange, jä, isch dr Fritschi no nid gange?») verwechseln lässt? Oder sind die Höhepunkte emänd die fasnächtlichen Klänge, die Barfiessler und PISDIG mit «Spalebärg» (e wunderheerlig Pfyffersolo!), «Piccolomini» und «Husaar» ins heimelige Kellertheater zaubern? Ja. Ja. Ja. Und nochmals: Ja!
Und ja – es gibt weitere Höhepunkte: Fünf (auf Ständern fixierte) Basler Trommeln und eine Bass Drum lassen den vier Tambouren von «Bâsilicum» genügend Spielraum, um Schlegel durch die Luft fliegen und auf Trommelreif und Seile klopfen zu lassen. Das vorsorglich gespannte Netz ist überflüssig – das Publikum bleibt schlegelfrei und stampft vor Begeisterung. «Die Verschiffte» sind im Schwarzwald gelandet und entsenden ganz einfach ihre badischen Gastgeber ins Fauteuil. Und diese erzählen vom Schnitzelbangg-Seminar bei «Dr. Schweizer», dessen Refrain-Empfehlung «Reinstechen, umhauen, durchziehen, runterlassen» aber bitterböses Befremden auslöst: «So etwas singen bei uns nur Rechtsradikale…» Seit jeher buchstäblich eine Bank ist der Peperoni, der insbesondere die Politprominenz von Links bis Rechts schaudern lässt.
Nach Durchhängern zu suchen, ist Jammern auf allerhöchstem Niveau. «OrangChina» (drei Orangen aus Spanien, Holland und China – letztere natürlich künstlich… – führen einen Zickenkrieg) und «s Härzblatt» (an die frühere TV-Show angelehnt) leben in erster Linie von der schauspielerischen Leistung von Rosetta Lopardo (und dem «Vorzeige-Macho» Dani von Wattenwyl), «e Sündebogg» (eine Kunden-Reklamationsstelle) von den komödiantischen Fähigkeiten des Buddy Elias. Ansonsten wird Theater auf höchstem Niveau geboten: «Muet zem Huet» rechnet mit dem Basler Daig ab, in «s Komitee het bschlosse…» suchen drei graue Eminenzen nach olympischen Sportarten, bei denen sich die Schweiz grösste Medaillenchancen ausrechnen kann. Allein: Die Exoten laufen uns selbst beim Alphornblasen, Sackgumpen, Jodeln und Jassen (mit französischen Karten!) den Rang ab. Es bleibt der Trost, die weltweit besten Boni-Empfänger zu sein. Und spätestens seit dem Rahmestiggli «Dr Maa vo dr Frau» wissen wir: Dr Herr Fasnacht git s au…



