Er ist nicht nur die «ultimativ allerletschty», sondern auch die turbulenteste Vorfasnachts-Veranstaltung, der «Ufftaggt». So begeisterte auch heute Morgen währen zwei Stunden die Ausgabe 09 die Zuschauer im bis auf den letzten Platz besetzten Foyer vom Theater Basel. Mit hervorragenden musikalische Darbietungen, unter-, oder besser gesagt «übermalt» mit lustigen Filmsequenzen, so wurde «Die Geschichte der Baseler Fastnacht von 785 bis 2055» in zwei Teilen erzählt. Moderiert wurde die Aufführung von Jörg Schröder vom Theater Basel und Anette Herbst.
«Wir sind froh, dass wir uns aus der grossen Reihe von TBRV (Ton-, Bild- und Rundschau-Vereinigung) über die Basler Fasnacht die zwei wichtigen Teile 4 und 7 sichern konnten. Dadurch werden Sie Sachen erfahren, die ganz Basel noch nicht weiss», erklärte der künstlerische Leiter Bernhard «Beery» Batschelet einleitend. Doch ehe die eigentliche Geschichte begann, wurde im langen Vorspann unter anderem dem Schweizer Fernsehen, Basler Staatsarchiv, Zürcher Fernsehen, Migrol Kulturprozent, BBC, Privatarchiv Kuttlebutzer, Rio TV und namentlich genannten mehreren hundert Persönlichkeiten für die Mithilfe gedankt.
Teil 4: «Die schönsten Fastnachtsmärsche und ihre grosse Geschichte». Wir alle kennen den Karneval von Rio, Venedig, Köln und den Karneval der Tiere. Sie alle würde es ohne die Basler Fasnacht nicht geben. Dies haben Ausgrabungen ergeben, bei welchen Dokumente und «Ton»-Aufnahmen gefunden wurden. Der geschichtlich erwiesene Anfang geht auf den 3. Hornung 785 zurück. Überall auf der Welt wurde das erlassene Trommelverbot eingehalten. Überall? Nein! In einem kleinen Ort im Nordwesten von Helvetien wurde aus Protest drei Tage und drei Nächte lang wild getrommelt. So muss die Basler Fasnacht entstanden sein. Einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Basler Trommelkunst tat dann Lord Nelson, welcher am 21. Oktober 1805 in der Schlacht von Trafalgar mit Kanonen den «Fünferruf» erfand.
Dass die Basler Fasnachtsmusik einen kriegerischen Hintergrund hat, daran erinnert etwa das Basler Schlachten-Piccolo, ein Bajonett, welches auf ein Piccolo aufgepflanzt zur gefährlichen Waffe wird. Jörg Schneider liess das Publikum ein solches Karton-Bajonett, welches dem Programmheft beilag zusammensetzen. «Nun kann Ihnen weder Karl der Grosse (im Bild erscheinen Dr. Karl Schweizer und Karl Schnyder), noch das Fasnachts-Comité etwas anhaben», erklärt er.
Aber auch kirchliche Einflüsse sind erkennbar. So war der Mariengesang «Ad matutitum carnevalem» aus dem 12. Jahrhundert, welchen die Nonnen im Basler Münster morgens um vier Uhr sangen die Urquelle für die «Neuen Schweizermärsche». Der Deutsche Karl Friedrich Zöllner machte dann aus den drei letzten Versen das Volkslied «Heiter, mein liebes Kind». Doch auch an die legendären «Kuttlebutzer» wird gedacht, welche quasi als Erben von Franz Kafka nicht nur die Fasnacht der letzten 50, sondern auch der kommenden 50 Jahre beeinflussten.
Teil 7: «Die Bedrohung durch die virtuelle Fasnacht. Die Tabus». Dazu gehört der Tod. Doch die Fasnacht spielt mit dem Tabu mit Totentanz, Mummenschanz und Hyylgschichte. Weitere Tabus sind neue Töne und neue Märsche. So lehnte etwa das Fasnachts-Comité ursprünglich den «Gluggsi» als unfasnächtlich ab. Das allerletzte Tabu ist der Körper. Wer an der Basler Fasnacht zu viel Haut zeigt, der verbringt die drey scheennschte Dääg in einer Ausnüchterungszelle.
Wirklich fantastisch sind die musikalischen Darbietungen von «dr Waggis», «dr Gazpaccho», «Die neuen Schweizermärsche», «dr Hofnaar», «Wettsteinmarsch» (mit Chorbegleitung), «dr Flitzer», sowie – als allererste Uraufführung im Kosmos – der Trommelmarsch «Supernova». Das Basler Piccolo-Ensemble (Dorothee Anderegg, Bernhard «Beery» Batschelet, Xenia Fünfschilling, Kevin Klapka, Andrea Loetscher, Sandra Mesmer-Preiswerk, Judith Rickenbacher, Michael Robertson, Regine Steinauer) begeistert sowohl solo als auch zusammen mit dem Chor Kontrapunkt. Grossartig – auch phonmässig – ihr Art-Rock «Out of Control ROCK 1 und 2» mit der Rockband «Three Christians and one Stef» mit Stef Strittmatter (Guitar), Christian Freiburghaus (Keyboard), Patric Ruff (Bass) und Martin Bammerlin (Percussion). Und lustig die verbotene Basler Erstaufführung von «Happy Piping Helium». Ebenfalls sehr gut – wie allewyyl – die Lälli-Clique 1902. Als bei ihrem ersten Auftritt ein Pfeifer umfällt erscheint auf der Leinwand: «Ist ein Arzt im Haus… der nicht Felix Eymann heisst. Danke.». Und last, but not least seien die grossartigen Tambouren Ivan Kym, Fabian Egger und Stephan Freiermuth von den «Chriesibuebe» erwähnt. Und der beste Zeedel-Läser aller Zeiten, «-minu» durfte einen alten Zeedel verlesen, welcher angeblich irgendwo in «Beeryland» gefunden wurde.
«Das isch dr Ufftaggt 09 gsy. Merci, und e scheeni Fasnacht», so verkündet Jörg Schneider. Doch damit nicht genug. Nach herzlichem, langanhaltenden Beifall für die Mitwirkenden und Blumen für die beiden Moderatoren gab es als Zugabe, gespielt vom Piccolo Ensemble und einem Tambour auf einem Metalleimer noch «Highland Cathedral».



