Dr Mittwuch: E Cortège mit Biss und Witz

12. März 2014 | Von | Kategorie: Top-Thema, Nachrichten

Nochmals paradierten die Formationen heute Nachmittag über die Route – wiederum bei prächtigem Wetter und vor dicht besetzten Strassenrändern. Aufgefallen sind heute besonders die sehr bissigen Haupt- und Nebentöne und die sich sehr deutlich akzentuierenden Sorgen der Basler. Hier nochmals eine kleine Auswahl:

Die – natürlich ganz subjektiven – Höhepunkte des diesjährigen Cortège sind die Alte Stainlemer und der Stamm der Olympia. Bei den Stainlemer ist Aussergewöhnliches ja Tradition; unter dem Sujet „Isch doch wurscht!“ thematisieren sie eindrücklich und bedrückend die Bedingungen der Arbeiter beim Bau von Sportstätten mit Peitschern, die auf arme Würstchen einprügeln, einem auf dem Thron präsidierenden Sepp Blatter und lakonisch-bitterbösen Versen:

Bi dääne Bedingige stärben e Huffe
ISCH DOCH WURSCHT
Solang me an dr WM denn Bier dörf suffe
D Arbeiter verreggen im aigene Schwaiss
ISCH DOCH WURSCHT!
Im Winter an dr WM isch s denn nit so haiss

Bei den Olympern ist man ob der Performance wirklich überrascht: ein Traum in Gold, aber mit durchaus bissigen Zwischentönen. Sie kommen nicht mit Piccolos und Trommeln daher, sondern auf Langlaufski und sogar mit einem Bob – und eben: von Kopf bis Fuss alles in Gold und dem Sujet „OLYMPIA GOLD, SOuffTSCHI“. Sensationell!

Bitterböse und dieses Mal ohne Krawallband, aber dafür mit Stinkfackeln (Würg!!!) kommen die Basler Bebbi daher. In einem beeindruckenden Zug und bissigen Zeedel-Versen thematisieren sie die pauschalen Verunglimpflichungen, die man sich so an den Kopf wirft:

Du Grosskotz! Du Zürcher! Du Maa in dr Not!
Du Champions League ÖV-Verwaltigsroot!
Du Obschtruggzionischt! Moralinsuure Spiesser!
Du Autibahnzuebringerspuureschliesser!

Ein weiteres grosses Übel namens Stadtbildkommission prangern D’Muschget-Nüssli als Richter in grauen Roben unter dem Sujet „Die GRAUe-volli Eminänz zu Basel“ an:

Y bi Richter und Hängger, und au Ordonanz
Jurischt, Souverään: also ooberschti Instanz
Y due s Stadtbikld voor em Verfall behiete
Waas miir nit gfallt, daas derf y verbiete

Laut und leise ist der Protest der Glunggi mit dem Sujet „Oh(n)Macht – Jetzt länggt’s!“. Sie protestieren mit Plakaten und Schildern gegen die Macht der Oberen von Regierung und Wirtschaft und zeigen die Ohnmacht der Bevölkerung dagegen. Vor dem Comité bleiben sie stehen und legen eine Schweigeminute ein. Jetzt länggt’s:

E Glasdach hett vyl Emotione gweggt,
drum wird nonem Bau das Dach verdeggt.
Do ka me die im Roothuus gar nit loobe,
das isch gaischtig doch verschoobe,
Jetzt länggt’s – me duet sich grad schiniere,
do muess me dringend afoo prodeschtiere.

Kritisches und Bissiges gibt es beileibe nicht nur von den Cliquen; auch bei den „Wääge“ ist die Zeit (in den meisten Fällen) vorbei, als man sich in einer Stroh-Umrandung selbst feierte. Ein wirklich tolles Beispiel für Kreativität die Schineblooser Waggis als Käsperlitheater  und einem ganzen Programmheft als Zeedel und dem wiederkehrenden Reim

Dr Käsperli hebt is nundefaane
allewyyl dr Spiegel aane

Ein grosses Thema ist die NSA-Abhörgeschichte, vielfach unter dem Sujet „Yes we scan“ abgehandelt. Bei der jungen Garde der Sans Gêne heisst es „Mir gseen alles!“ – auch fasnächtlich:

Ob s allwissende Comitée
unseri falsche Schlepp ka gsee?

Apropos Spionieren: Auch die Sache mit Fasnachtsleaks.org hat sich geklärt: Dahinter stecken die Alti Glaibasler, die im Rädäbäng noch unverfänglich mit „Schall und Rauch“ firmieren, tatsächlich aber mit „Mir kenne au di Sujet“ laufen. Klickt man auf ihrer Homepage dies an, so erscheint eben Fasnachtleaks.org.

Und auch das absolute Hauptsujet dieser Fasnacht soll noch Erwähnung finden: Hampe Wessels und seine Baustellen. Der Barbara Club kommt ganz in orange vorbei – die Hauptfarbe des diesjährigen Cortège – und trägt Bauschilder auf den Larven. Das viel beschriebenes Papier nicht zur Lösung taugt, schreiben sie so:

Doo mien schnäll Konzäptli aane
vo Rote, Griene nundefahne
doch – em Wessels schnäll e Gruess! –
hänn die weder Händ no Fiess

Gerne hätte der Schreibende auch aus dem Zeedel des Spezi-Stamm zitiert, ist das Sujet  mit dem Bienensterben sehr originell. Leider ist dies nicht möglich, wurden die Verse doch so klein geschrieben, dass eine beigelegte Lupe notwendig gewesen wäre. Der Chronist muss seine Augen aber schonen – es gibt heute Abend noch viel zu sehen. Also: ab uf d Gass und ihr wüsset: mr nämme no aine!