Pfyfferli 2010: Prächtiges Funkeln im Kellergewölbe

7. Januar 2010 | Von | Kategorie: Nachrichten

Noch hängt die Weihnachtsbeleuchtung, an jenem 6. Januar. Schneefall begleitet uns zum Spalenberg. «I’m dreaming of a white Vorfasnacht», summt es vor sich hin – denn drinnen, bei den Rassers, wartet eine besondere Schatulle, die an diesem Abend behutsam ausgepackt werden will. Heraus kommen gut zwei Stunden beste vorfasnächtliche Unterhaltung, mit leisen und lauteren Tönen, besinnlich und schräg, ja, vielleicht etwas weniger bissig als auch schon – aber alles in allem funkelt das Pfyfferli 2010 mit der Weihnachtsbeleuchtung um die Wette.

Es gehört schon zum guten Ton, dass sich am Premieren-Abend «Tout Bâle» im Fauteuil eingefunden hat – und da erscheint es im ersten Moment fast als Affront, dass das Pfyfferli-Ensemble nicht parat scheint… nur scheint, denn rasch entpuppt sich der Prolog auf der Bühne als Mischung aus Cliquengründung und ersten «Lämpe», als Versinnbildlichung von «Cliquengeist trifft Fasnachtsfieber»: Da ziehen Tambouren über Vorträbler her, da wird zur Debatte gestellt, ob Frauen per se nicht schon Konfliktpotenzial an der Fasnacht bilden, da geriet die Sujetfindung zur Farce («Mir debütiere und jubiliere»). Schliesslich findet die Pfyfferli-Clique mit Colette Greder, Caroline Rasser, Dani von Wattenwyl, Peter Richner und erstmals Gilles Tschudi sowie Roland Herrmann den Rank. Doch dazu später mehr.

Dem «Dreamteam» Rolf Lansky (Dramaturgie) und Martin Schurr (Regie) ist auch bei der – nach neuzeitlicher Rechnung – siebten Ausgabe des Pfyfferli gelungen, einen bunten Strauss zusammenzustellen. Für die besinnlichen Momente im heimeligen Kellergewölbe sorgt beispielsweise Peter Richner in seiner «Hommage à Jeannot» (Text von Walo Niedermann), die nicht nur das Werk von Tinguely würdigt und stilistische Anleihen beim berühmten Blasius erkennen lässt, sondern auch den Rahmen für einen fulminanten Auftritt der Piccolo-Virtuosin Xenia Fünfschilling bildet.

Ys fääle d Visioone, die Stadt isch läär,

Syt ys dr Jeannot beweggt het, scho lang isch häär.

Eine weitere leise Nummer provoziert laute Bravo-Rufe: «’s ganz Joor e Laarve aa…» von Charles Lewinsky trägt Colette Greder vor («Vyyli Mensche draage nid nur an dr Fasnacht e falsches Gsicht») – und ihre Solo-Auftritte gehören ohnehin zum Formidabelsten, was die Vorfasnachtsszene zu bieten hat. Sie erzählt von Doppelmoral – und fragt am Ende scheinheilig: «Gäll, De kennsch my nid?»

Doch nicht immer hört man die berühmte Stecknadel auf den Boden fallen: «Aifach himmlisch» etwa ist die Verballhornung des Himmels, dessen Engel im Call-Center den Anrufenden nach dem Service-Abonnement (früher: Kirchensteuer) fragen, bevor sie ihm ein «Stärbe Sy wohl…» mit auf den Weg geben. «Eewigi Jugend» zeigt ein Anti-Aging-Grüppchen auf dem Nordic-Walking-Trip – mit Botox, Silikon, Spritzen und Skalpel. Meint der Gruppenälteste: «Uff d Zehn bisse kasch numme, wenn De no Zehn hesch…» Wer ein Leben lang trainiert, stirbt gesünder. Auch wieder wahr. «E Knüller» zeigt Gilles Tschudi als leichtfüssig in den Schritt greifenden Jacko-Verschnitt, der dem «Käschperli» (Roland Herrmann) mit Extasy und anderen Drogen zu neuem Selbstwertgefühl und mehr Anerkennung verhilft – bis man sich fragt: «Who is who», wer der Superstar, wer das «Käschperli»? Und ähnlich (gewollt) schräg kommt «Bollywood am Spaalebäärg» daher, wo sich Dani von Wattenwyl als originalst-indischer Regisseur eines Bollywood-Streifens profiliert und schliesslich einen Waggis beschwichtigen kann, weil die Szene ausgerechnet kurz vor dem Morgestraich an dessen Abmarschort am Spalenberg gedreht werden soll.

Nicht nur diese (zugegebenermassen skurrile) Morgestraich-Szene weckt das Fasnachtsfieber, auch sonst bietet das Pfyfferli musikalisch Hochwertiges: Die Pfeifer der «Barfiessler» (alternierend mit den Pfyffer, der Bajass-Clique und den JONG’s engagiert) zelebrieren zunächst einen «Spaalebuggel» (Arth Paul), lassen später die Tambouren der «PiSDig» (sie wechseln sich mit den Streifer und Bâsilicum ab) den «Fischmärt» (Felix/Robertson & Hungerbühler/Balmelli) subtil begleiten (trotzdem ist der Trommelpart gewöhnungsbedürftig) und laufen gemeinsam beim «Fritzli» (Robertson/Balmelli) zu Höchstform auf.

Seit jeher gilt das Pfyfferli als Stelldichein der Spitzenbängg. Auch 2010 geben sich vier von ihnen die Klinke in die Hand: Am Premieren-Abend pausieren «d Striggede» und «dr Spitzbueb». Und genau genommen auch «die Verschiffte»: An ihrer Stelle treten – wie schon im Vorjahr – «die badischen Jäger» (oder sinds doch «die Verschiffte»?) auf, die Einblicke in die Gästeliste ihres Schwarzwald-Hotels gewähren. Blocher war da, Merz (ein beliebtes Sujet des ganzen Abends) ebenso, der FCB und Carl Hirschmann. Der Zürcher Milliardärssohn, der an Basel nicht die besten Erinnerungen hat, wird an diesem Abend zum Dauerbrenner. Auch der «Peperoni» drechselt wie gewohnt wunderbare Värsli, die – die Kritik sei erlaubt – hie und da noch etwas Luft nach oben haben. Trotzdem reichts zum Prädikat Spitzenklasse:

«Me sett dr Merz, dä liebi Maa, no Mool ins Spittel schigge.

Dr Pumpi goot s zwoor wyder guet, me sett no anders fligge…»

A propos «fligge»: Die Pfyfferli-Clique haben wir ja fast vergessen. Da steht sie nun im Epilog. Das eine oder andere Kopfladärnli muss geflickt werden, brennt noch nicht so, wie es sollte – dafür lodert das Fasnachtsfeuer umso mehr (da braucht es auch keinen Chienbääse, den Roland Herrmann von ennet der Hülftenschanz flux zur Hand hat…). Bis zum 21. Februar wird es noch stolze 53 Mal entfacht. Wer noch kein Ticket hat, muss auf einzelne Restposten hoffen – alle Vorstellungen sind nämlich ausverkauft. Und das zurecht!

Weitere Informationen:

Impressionen des Pfyfferli 2010 in der BFO-Fotogalerie