Die «Wirrlete» stellt eine Besonderheit unter den Vorfasnachtsveranstaltungen und irgendwie ein Gesamtkunstwerk dar. Das beginnt schon vor Eintritt in den Saal, wenn im Foyer die (schein)heiligen Drei Könige für einen guten Zweck (nämlich sich selbst) sammeln und die Besucher nach verbotenen Gegenständen abgetastet werden. Es geht weiter, indem die Protagonisten vom FCB-Speaker Michael Köhn auf die Bühne gerufen werden, findet seine Fortsetzung in grandiosen Nummern mit viel (gekonntem!) Gesang und einem gut gefüllten Kessel Wortwitz. Schliesslich wird man nach knapp zweienhalb Stunden entlassen mit einer Videoproduktion, in der die Hauptakteure mit allem Fasnachts-Horror – von sich verpfeifenden Pfeifern, lausigen Schnitzelbänggen, terror-mässigen Waggis und kreischenden Guggen – gequält werden.
Die Geschichte der «Wirrlete» soll um Himmels Willen hier nicht nacherzählt werden; erstens, um die künftigen Besucher (es hat noch Karten) nicht vorzuwarnen, und zweitens, weil die Geschichte eh nicht so wichtig ist. Viel wichtiger ist den Machern eindeutig die Kreativität – und die sprüht durch jede Ritze im «Tabourettli». Manchmal ist es fast etwas zu viel des Guten. Eine (gefühlt dreissig Minuten dauernde), sehr abstrakte Theateraufführung im ersten Teil überforderte einen guten Teil des Publikums, den Chronisten inbegriffen, der in der Pause lediglich eine Person fand, die behauptete, den Sinn verstanden zu haben. Etwas lange war auch eine – an sich lustige Nummer – mit einer Trudy-Gerster-Parodie.
Der erste Teil hatte aber auch unbestrittene Highlights. Zu nennen ist hier vor allem eine Baseldytsch-Adaption des Hohlerschen «Totemüggerli», zum Brüllen komisch vorgetragen von Christian Hürner. Nicht minder komisch – und musikalisch teilweise sehr anspruchsvoll – waren die Darbietungen von «Robi» und «Dog» – vulgo Martin Bammerlin und Pascal Kottmann –, vor allem mit einer sensationellen Persiflage auf «Top Secret».
Überhaupt hatte die «Wirrlete» 2010 immer dann ihre stärksten Seiten, wenn musiziert und vor allem gesungen wurde. Die Verbindung von Fasnachts-Themen mit afrikanischen Gesängen oder karibischen Rythmen war dabei schlicht sensationell – aber noch nichts gegen die Nummer, die sich die Macher bis fast zum Schluss aufgespart hatten. In einem «Song Contest der Fasnacht» brillierte Daniel Buser erst mit einer wunderbar melancholischen Ballade von der am Strassenrand vergessenen Trommel und wurde von Roland Suter nebst Jodelchor mit «S Fyyr vo dr Fasnacht» noch übertroffen.
Erwähnt sind hier zugegebenermassen nur die grössten Treffer, verdient hätten die Nennung noch viele «kleine» Lacher wie etwa die 15-sekündige Schweigeminute für das Charivari. So kann man dieses Thema also mit Stil anpacken! Ebenso grossartig war die Pit Klocke-Parodie von Florian Volkmann, auch wenn sie sich im Laufe des Abends etwas abnutzte. Und die Hauptdarsteller Walo Niedermann, Daniel Buser und Roland Suter brillierten nicht nur als Caesar, Leo und Mäni (letzterer mutierte zur Freude vor allem des weiblichen Publikums am Schluss wieder vom «Prolo» zum Verklemmten), sondern auch als Care-Team des Schweizerischen Fasnachts-Verbandes.
Alles in allem bietet die «Wirrlete» einmal mehr eine derart grosse Fülle an kreativen Ideen, dass man fast etwas erschlagen wird. Da die Umsetzung in den meisten Fällen aber als sehr gelungen bezeichnet werden muss, ist dies eher als Kompliment zu sehen. «Fasnacht ist Religion», wurde auf der Bühne gesagt – das Premierenpublikum gab mit einer standing ovation seinen Segen dazu.



