«Schade, dass es sowas bei uns nicht gibt»

17. Februar 2005 | Von | Kategorie: Nachrichten

Es hat soeben halb vier geschlagen, als zwei dick eingemummte
Gestalten das Hotel Hecht in der Rheingasse verlassen. Noch etwas
verschlafen blinzeln sie in die Nacht hinaus, aber das, was sie erblicken,
weckt sie mit einem Schlag auf. Rings um das Hotel herum treten Leute auf
die Strasse, einzelne ziehen sogar schon die Larve über den Kopf.

*

In dem ganzen Gewusel wissen Barbara und Gert Eichhorn zuerst gar nicht
recht, wohin sie schauen sollen. Das Ehepaar aus Berlin ist nämlich zum
ersten Mal hier. «Wir haben auf 3SAT einen Bericht über die Basler Fasnacht
gesehen», erklärt Gert Eichhorn. Der habe sie davon überzeugt, dass die
Basler Fasnacht etwas ganz Spezielles sein müsse. Und nun stehen sie am
Fasnachtsmontag kurz vor vier Uhr vor dem Hotel und reiben sich die Augen.
«Wo gehts denn los?», fragt Gert, und eigentlich wäre die Antwort, dass es
überall gleichzeitig los geht, aber dennoch machen wir uns auf den Weg über
die Mittlere Brücke Richtung Imbergässli.

*

Es weht ihnen eine steife Bise entgegen, aber das ist nicht der Grund,
warum sich die beiden ständig umdrehen: «Wahnsinn!», entfährt es Barbara,
«da ist ja die ganze Stadt auf den Beinen.» In der Schneidergasse angelangt,
suchen sie sich einen Platz in der Druggedde und blicken nun mit leuchtenden
Augen gespannt auf die Uhr. Nur wenige Sekunden später erlischt das Licht,
und Gänsehaut überkommt uns, als das Kommando «Morgestraich, vorwärts,
marsch!» erklingt.

Diesen Moment, wird Barbara später sagen, könne man nicht beschreiben,
das müsse man einfach erleben. Noch Tage später wird sie erzählen, wie es
«auf einmal dunkel wurde, und die Musik angefangen hat zu spielen». Ausser
einem «Oooh» entweicht den beiden minutenlang kein Ton, gebannt blicken sie
auf den Zug, der sich vor ihnen pfeifend und trommelnd in Bewegung setzt.
Gert nimmt seine Kamera, verstaut sie wieder in die Jackentasche, um sie
gleich darauf erneut hervorzuholen. «Es ist einfach sagenhaft», meint der
55-Jährige.

Während sie sich einen Weg durch die Menschenmassen bahnen,
bleiben die beiden immer wieder stehen, weil ihr Blick sich an eine Larve
oder eine Laterne geheftet hat. Auch als sie einige Zeit später in einer
Beiz sitzen, können sie es noch kaum fassen. «Das hat alles übertroffen, was
ich mir vorgestellt habe», meint Gert und nimmt einen Schluck Bier, «das ist
der beste Karneval von allen.»

*

Als die beiden am Montagabend den Münsterberg hinaufstapfen, um sich die
Laternen anzusehen, wirken sie erschöpft, aber glücklich. Viel geschlafen
haben sie nicht: «Alle fünf Minuten kam da wieder ne Gruppe vorbei, und ich
bin aufgewacht», erzählt Barbara. Dennoch standen die beiden mittags bereits
wieder am Cortège und haben eifrig gesammelt: «Was da alles geflogen kam,
ist ja nicht zu glauben», lacht Gert, und Barbara fügt hinzu: «Aus all dem
Gemüse können wir uns zuhause eine Suppe kochen.»

Die Gespräche
verstummen schlagartig, als sie auf dem Münsterplatz ankommen, wo die
Laternen im Licht erstrahlen. Die beiden sind begeistert: «Jetzt müsste man
das nur noch lesen können», lacht Gert und fasst seine Frau um die Schulter.
Beim Gässle bleibt Barbara stehen, um einen schimmernden «Heugumper» zu
bewundern, der als Tambourmajor seinem Namen alle Ehre macht. «Die kommen
von allen Seiten», stellt sie fest.

*

«Wir waren gestern noch in einem Superlokal», schwärmt Barbara am
nächsten Tag an der Kinderfasnacht, «da haben sie gesungen und musiziert.»
Die 60-Jährige wippt mit den Füssen mit, als eine Gugge vorbeischränzt: «Ich
mag diese Gruppen total gerne», sagt sie und freut sich bereits aufs
Guggekonzert. Gert bekommt derweil von einem Binggis ein Dääfi geschenkt.
«Was heisst Ziiri im Eeländ?» fragt Barbara, als sie den Titel des Zeedels
liest, der ihr soeben zugesteckt wurde. Beim nächsten Dääfeli gibts für
beide eine Hampfle Räppli ins Gesicht. Ausgelassen wie Teenager bewerfen sie
sich anschliessend mit «Konfetti», bis beiden die Kapuzen überquillen.

Später bleibt ihnen nur das Fazit, dass es «sehr schade ist, dass es so
was Schönes bei uns nicht gibt». Darunter mischt sich bereits etwas Wehmut,
denn die beiden fahren am Mittwochmorgen zurück. Gefallen hat ihnen bisher
alles, und so schmerzt es umso mehr, dass sie den Ändstraich nicht mehr
miterleben werden. Während in der Beiz noch wild gefeiert und getanzt wird,
erzählen Barbara und Gert aber mit glänzenden Augen, dass sie schon das
Hotel fürs nächste Jahr gebucht haben ­ und zwei weitere Zimmer dazu, denn:
«Schliesslich müssen wir auch unseren Berliner Freunden zeigen, wie
unglaublich die Basler Fasnacht ist.»